Das Verschwinden von Stefan

Viele von Euch haben es ja über Twitter und Facebook mitverfolgt. Ich bekam einen Anruf von Caroline, dass Stefan nicht von der Schule zurückgekommen sei. Mir war klar, dass Stefan sich nichts antun würde, schon alleine wegen Caroline nicht, dennoch hatte ich Angst, die Situation könnte eskalieren. Stefan ist mit seinen 11 Jahren wirklich vernünftig und die Situation hat ihm einen Teil seiner Kindheit geraubt, er wirkt fast schon wie ein Erwachsener. Ich sagte Caroline zu, nach Hamburg zu kommen und nach Stefan zu suchen. Bei unserem letzten Treffen auf Westerland hatte mir Stefan erzählt, wo er hingeht, wenn er nachdenken muss und einfach alleine sein will. Stefan rief nach der Schule (es sind zwar Ferien in Hamburg, er ging aber mittwochs und donnerstags zur privaten Nachhilfe) zu Hause an und sprach auf dem Anrufbeantworter, dass er erst später kommen würde. Somit hatte ich keine Sorge um ihn. Eltern sehen das natürlich anders.

Auf meinem Weg nach Hamburg kam kurz vor Elmshorn der Anruf, dass Stefan nach Hause gekommen war. Da ich nun mal schon fast in Hamburg war, fragte ich an, ob Stefan Lust habe, mit mir zusammen zum Essen zu gehen. Stefan sagte sofort zu. Kurze Zeit später trafen wir uns in Hamburg City und gingen zu meinem Hotel ( B&B in der Stresemann Straße ). Dort legte ich meine Sachen ins Zimmer und schlug den Spanier im die Ecke vor. Stefan war unglaublich entspannt, er freuet sich einfach, von zu Hause und der dauernden Konfrontation mit dem Thema Tod entfliehen zu können. Als wir beim Spanier saßen und die ersten Topas bestellten, fragte ich Stefan: „Was war denn los heute, warum bist Du nach der Schule nicht nach Hause gegangen, wie eigentlich geplant?“ Stefan antwortete mit steinerner Miene: „Am Vorabend habe ich ein Gespräch zwischen meinen Eltern mitbekommen, sie unterhielten sich darüber, wie die Beerdigung meiner Mutter ablaufen soll. Danach konnte ich wieder die ganze Nacht nicht schlafen, diese Vorstellung ist einfach zu grausam für mich.“ Ich fragte spontan nach: „Warst Du denn bei dem Gespräch Deiner Eltern anwesend?“ Stefan antwortete mit leiser Stimme: „Nein, ich habe sie belauscht.“ „Ok“, sagte ich, „aber Du selbst weißt am besten, dass Deine Mutter nichts dem Zufall überlässt und alles organisiert, sie hatte ihr leben immer selber in der Hand und wird es deshalb auch selbst beenden.“ „Ich weiß“, sagte Stefan, „dennoch brauche ich nach solchen Gesprächen und Themen einfach Zeit, mit mir selber klar zu kommen. Es wird immer auf mich eingeredet, dass alles gut wird. Aber nichts ist gut, ich bin doch nicht blöd, ich spüre doch, wie bei uns allen die Nerven blank liegen.“ Mit Stefan unterhielt ich mich noch einige Zeit, trotz der späten Stunde. Im Verhältnis zum letzten Treffen wirkte er viel gefasster und ruhiger. Auch kam es mir so vor, als hätte ich einen weit besseren Zugang zu ihm, warum, konnte ich nicht beurteilen. Ich brachte Stefan mit der S-Bahn nach Hause ,ging in mein Hotel und suchte etwas Schlaf. Am folgenden Morgen rief ich Caroline an und schilderte ihr den vorherigen Abend. Sie wusste aber schon alles von Stefan und war informiert. Wir verabredeten ein Treffen für die nächsten Tage, denn Caroline hatte noch Fragen, ich natürlich auch. Die ärztlichen Gutachten lagen nun auch alle vor.

Der Tod kommt unaufhaltsam näher.

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Ein Gedanke zu „Das Verschwinden von Stefan

  1. Nein, Stefan würde sich nichts antun, denn dann würde er sich selber ein Stück von der „kostbaren Zeit“ mit seiner Mutter nehmen.
    Wenn ich diesen Beitrag hier so lese, dann finde ich ihn ziemlich erschreckend. Anscheinend steht Carolines Freitod total im Vordergrund, und man spricht kaum noch über etwas anderes. Das klingt jetzt wahrscheinlich sehr hart, aber sollte man Carolines „letzte Zeit“ in der Familie nicht doch wenigstens ab und zu etwas anders nutzen……….
    Sie wählt den Freitod, und das kann ich in ihrer Situation gut verstehen. Alles andere auch für sich selbst zu planen, einfach eben so, wie man es sich selber wünscht…… auch das kann ich nachvollziehen. Vielleicht macht sie sich auch Gedanken um ihren Mann, und möchte ihm möglichst viele Entscheidungen die später getroffen werden müssen abnehmen……………
    Allerdings habe ich ein bißchen das Gefühl, dass Caroline dabei ihren Sohn total vergißt. Sollte sie nicht gerade jetzt auch den Wunsch haben, noch möglichst viel mit ihm zu machen. Dinge, an die er sich später gerne erinnert…….und nicht nur an die Gespräche über ihren Tod………….
    Einfach nur für ihren Sohn da sein, und mal nicht über die Krankheit sprechen. Wäre das nicht auch für sie selber sehr schön…………
    Ich kann Stefan sehr gut verstehen……“nur weg von zu Hause“……“mal etwas anderes sehen und hören“……..Und trotzdem wird er immer daran denken, dass seine Mama bald nicht mehr für ihn da ist. Wie schlimm muß diese Situation für ihn sein………………

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