26.9.2013

Treffen mit Stefan am 29.09.2013

Nach einigen Rücksprachen traf ich mich heute das erste Mal live mit Stefan.

Da ich beruflich zurzeit extrem eingespannt bin, hatten wir Westerland als Treffpunkt vereinbart. Stefans Eltern setzten ihn in Hamburg-Altona in den Zug und ich holte ihn in Westerland ab.

Dann war es soweit, ich stand in Westerland an Gleis 2 und wartete auf die Nord-Ostsee-Bahn. Endlich traf sie ein und da kam Stefan schon.

Ein fast erwachsen wirkendes Kind im Alter von 11 Jahren. Sein Gesicht markant, sein Wesen wirkt distanziert. Ich ging auf ihn zu und sagte: „Hallo Stefan.“ Er erwiderte trocken: „Hallo Martin.“

Ich wollte ihn eigentlich umarmen, aber mein Kopf blockierte in diesem Moment. So streckte ich ihm nur meine Hand entgegen. Dann fragte ich ihn, ob wir hier im Entree etwas trinken wollen und was er möchte. Er antwortete schroff: „Mir reicht ein Wasser.“ Ich ging an die Theke und bestellte sein Wasser und mir einen Karamell-Macchiato. Der charismatische schwule Kellner, den ich täglich sehe, weil ich immer mir hier jeden Morgen noch einen Kaffee hole, stellte sofort fest: „Du siehst angespannt aus.“ Ich überspielte diese Bemerkung, nahm die Getränke und ging zurück zu Stefan.

Nüchtern und sachlich kam er sofort auf den Punkt und fragte mich, ob er  nun beim Tod seiner Mutter dabei sein dürfe. Ich sagte: „Stefan, ich habe mit mehreren Experten gesprochen, sie sind alle der Meinung, dass es besser ist, wenn Du nicht dabei bist. Wir denken auch, dass dies für Deine Mutter eine zusätzliche extreme Belastung wäre, wenn Du dabei bist.“ Stefan schrie mich an: „Es gehe immer nur um andere, es geht nie um mich.“ Die nebenan sitzenden Gäste des Cafés schauten uns an, mir großen Fragezeichen in den Gesichtern.

Ich sagte zu Stefan: „Lass uns darüber reden. Komm, wir gehen ans Meer.“ Wir ließen unsere Getränke und gingen an den Westerlander Strand, der witterungsbedingt fast leer war.

Stefan begann das Gespräch und sagte: „Martin, ich verliere das Wichtigste in meinem Leben, meine Mama, entschuldige, dass ich Dich angeschrien habe. Ich habe seit Jahren meine Freunde verloren, in der Schule mag niemand etwas mit mir zu tun haben, denn sie können meine schlechte Laune nicht verstehen. Dieses Mitleid, was sie mir geben, hilft mir nicht, ich will kein Mitleid, ich will nur einfach über meine Gefühle sprechen.“ Ich sagte zu Stefan, dass ich ihn gut verstehe. Wir kamen dann wieder auf das Thema Todestag. Er fragte nochmals, ob meine Entscheidung so bleibe. „Ja Stefan“, meinte ich, „Zu Deinem Schutz und für Deine Mutter, denn ich glaube, dass ich mich in diesem Moment nicht um Dich kümmern kann. Es wäre unverantwortlich, Dich den geplanten Tod Deiner Mama mitverfolgen zu lassen.“

Stefan widersprach sogleich und meinte, er wolle sich doch noch verabschieden.

Dann schlug ich ihm folgenden Deal vor: „Ich werde Deine Mama allein begleiten, verspreche Dir aber, dass Du Dich nach der Überführung ihres Leichnams von ihr im Leichenhaus so lange verabschieden kannst, wie Du möchtest. Was hältst du davon?“ Stefan fragte sofort: „Versprichst Du mir das?“ „Ja“, sagte ich, „versprochen.“ Stefan fing an zu weinen, ihm wurde gerade bewusst, dass es unumgänglich ist. In dem Moment nahm ich ihn in den Arm und er ließ sich fallen. Mir liefen selbst die Tränen: dieser unendliche Schmerz eines 11-jährigen Jungen, der weiß, was passieren wird.

Gut, dass es regnete, so sah er mein verheultes Gesicht nicht. Meine Knie waren butterweich.

Ich hatte Angst, das alles nicht durchzustehen. Ich wollte das Projekt, ich wollte sachlich drüber berichten. Jetzt war ich mittendrin, wirklich mittendrin. Ich ließ das dramatische Schicksal an mich heran. Stefan erzählte mir seine Geschichte aus der Sicht eines 11-Jährigen.

Es ist grausam, ob ich diese jemals beschreiben kann, weiß ich nicht. Es ist eine Familientragödie.

Was ich in diesem Moment dachte? Ich dachte an meine Kindheit, wie undenkbar sorgenfrei ich aufgewachsen bin. Ohne Probleme, mein größtes Problem bestand dann, wenn ich wieder mal beim Schwarzfischen erwischt worden war. Mein Gott, welch eine traumhafte Kindheit ich hatte, das wurde mir in diesem Moment bewusster denn je.

Die Stunden am Strand verflogen. Mittlerweile hatte ich eine vertraute Beziehung zu Stefan. Dies bestärkte mich darin, dass der Austausch mit ihm wichtig ist. Wir saßen noch eine Weile stumm im nassen Sand am Strand. Ich war bis auf die Haut durchnässt.

Ich dachte an alles und nichts. Ich versuchte, zu beten. Warum eigentlich ruft man immer nach einem Gott, wenn es Probleme gibt? Eigentlich bin ich doch gar nicht gläubig. Aber ich fand auch in diesem Moment keinen Kontakt zu Gott. Und so fing ich an, ein Zwiegespräch in Gedanken zu führen.

Gott, sollte es Dich geben, dann höre mir zu. Du hast die Kindheit dieses Jungen zerstört. Erbarmungslos und mit aller Gewalt, die existieren kann. Warum? Wählst Du Deine Opfer wahllos aus? Was bist Du für ein Gott, der das alles zulässt? Aber warum unterhalte ich mich mit Dir? Ich glaube, ich lebe besser mit dem Gefühl, dass es keinen Gott gibt. Alles ist Schicksal, willkürlich schlägt es zu, manchmal mehr, manchmal weniger.

Stefan riss mich aus meinen Gedanken und sagte, sein Zug gehe gleich. Wir standen auf und gingen zurück zum Bahnhof Westerland. Ich stieg mit in den Zug ein, da ich nach Hause fahren wollte. Deshalb musste ich versuchen, schnell umzustellen und den Kopf freizubekommen.

Ich wollte und ich werde meine Erlebnisse nicht mit nach Hause nehmen, zumindest werde ich immer versuchen, dies zu überspielen.

Wir stiegen zusammen in die Nord-Ostsee-Bahn ein. Stefan fragte mich: „Welche Musik hörst Du?“ Ich antwortete: „Alles von Klassik bis Rock.“ Er fragte genauer nach und wollte nicht glauben, dass ich z. B. Sido höre. Meine Frage, was daran ungewöhnlich sei, beantwortete er so: „Nichts, mich überrascht nur, dass Du in Deinem Alter so etwas hörst? „In meinem Alter?“, fragte ich nach. „Ja, Du bist doch schon ziemlich alt. „Jetzt konnte ich mir ein Lächeln nicht mehr verdrücken. 🙂 Klar, aus der Sicht eines 11-Jährigen ist man mit 39 Jahren alt, dachte ich mir.

Ich bot Stefan an, etwas mir zusammen anzuhören, und er nahm dies gerne an. Ich spürte förmlich, wie froh er war, einmal über etwas anderes zu sprechen als über den Tod. Ich gab ihm einen meiner Ohrstöpsel und er hörte aus dem Album „Beste“ von Sido die Songs „1000 Fragen“ und „Danke“.

Die Songs passten wie die Faust aufs Auge zu uns, das meinte Stefan zwischendurch und ich bestätige ihm das. Wir schauten uns beide die ganze Zeit an, als würden wir die letzten Stunden nochmals Revue passieren lassen. Einige Stationen weiter verabschiedete ich mich von Stefan, diesmal nicht mit einem kalten Händedruck, sondern ich umarmte ihn. Er sagte nur leise: „Danke Martin.“

Dann fragte er, wann wir uns wiedersehen. „Bald Stefan, schreib mir bitte, wenn Du in Altona angekommen bist“, meinte ich. „Ok“, antwortete Stefan.

Ich stieg jetzt aus und sah, wie Stefan mir am Fenster nachwinkte …

Was für ein Tag, ich musste zunächst einmal mit mir und der Welt klarkommen. Abends kam die Facebook-Nachricht, dass er gut angekommen ist.

17.9.2013

Die Stimme nach Facebook:

Nach meinem letzten Facebook-Kontakt in der Nacht habe ich mich heute mit Stefan das erste Mal am Telephon ausgetauscht. Ich bin sehr traurig, das Gespräch hat mich tief berührt.
Einen 11-Jährigen zu fragen, ob ihm bewusst ist, dass die Entscheidung seiner Mutter nicht mehr rückgängig zu machen ist, war einfach hart.  Mein Gott, wenn es Dich gibt, warum tust Du so was? Wo ist der Sinn ? Wo ist die Logik? Stefan hat am Telefon geweint, geschluchst.
Jetzt kann ich mir vorstellen, wie es wäre, ihn beim Tod seiner Mutter dabei zu haben, wenn er weiß, das dies der letzte Moment in seinem Leben ist,  in dem er seine Mutter noch einmal sieht.
Unvorstellbar ist dieser Schmerz, unvorstellbar auch für mich als 39-Jährigen.
Wie soll ein Kind von 11 Jahren das verkraften? Ich weiß ja selbst noch nicht, ob ich es verkraften werde.

Ich muss nachdenken. Heute habe ich das erste Mal mit meiner Tochter über das Projekt Sterben gesprochen. Ich hab ihr von Stefan erzählt und sie war geschockt, aber trotz allem empfand ich Ihre Reaktion als überraschend nüchtern. Sie sagte, wenn er es möchte, sei es einfach sein Wunsch. Würde er es nicht aus ganzem Herzen wünschen, hätte er nicht nach der Möglichkeit gefragt.

Das einfache Denken einer 13–Jährigen. Sollte ich vielleicht das gesamte Projekt aus dieser Perspektive sehen? Aus der Sicht eines Kindes ?  Ich fragte meine eigene Tochter, wie sie selbst entscheiden würde, wenn ich selbst derjenige wäre, der sterben möchte. Sie fing zu weinen an, kam auf meinen Schoß und sagte: Darüber will ich nicht nachdenken Papa, es steht ja nicht an, also denke ich nicht darüber nach.

Also doch ein Tabu, einfach wegschieben,  einfach zur Seite legen. Der Tod ist nicht aktuell, also beschäftigt man sich nicht damit. Aber es ist doch viel sinnvoller, sich mit einem Thema zu beschäftigen, wenn es zu 100 % irgendwann auf einen zu kommt. Oder ?

Ich muss nachdenken, in meinem Projekt Tod fehlt mir ein roter Faden.
Ich brauche ein Konzept. Ein Konzept, das ich dann durchziehe und basta. Ich darf nicht in Mitleid verfallen und ich bin nicht verantwortlich für das Schicksal. Ich werde in Kürze  wieder mit Stefan sprechen und ein persönliches Treffen vereinbaren.

14.9.2013

Der erste Dritte im Bund:

Ich war überrascht, als ich von Carolines Sohn, er heißt Stefan, eine Freundschaftsanfrage per Facebook erhielt. Eigentlich gehöre ich zu den Menschen, die über Facebook nicht zu viel Privates schreiben. Doch kurz nach der Freundschaftsanfrage kam auch sofort die erste Nachricht von ihm.
Er stellte sich vor, es war fast wie ein Bewerbungsgespäch. Danach schrieben wir fast eine Stunde über das Vorhaben seiner Mutter. Nach kurzer Zeit meinte er, dass er gerne dabei sein möchte.
Mir stockte schon allein bei dem Gedanken der Atem. Darf man einen Jugendlichen beim gewollten Tod der eigenen Mutter zusehen lassen ? Ich weiß es nicht … Hat er als Sohn vielleicht sogar ein Recht drauf? Ich bin völlig verwirrt … Das Projekt Sterben nimmt immer mehr Platz ein in meinem Kopf ein. Es zieht mich in einem unbeschreiblichen Maß in einen Bann, den ich selbst nicht beschreiben kann.
Wer entscheidet, ob ein 11-jähriger Junge seine Mutter beim Sterben begleiten darf ?
Wer verantwortet es?  Nein, nein, ich nicht.
Ich habe ihm geschrieben, dass ich darüber nachdenken muss. Ich kann diese Entscheidung nicht einfach so treffen.
Mein Plan für den Ablauf von Carolines letzten Stunden kommt ins Wanken.
Ich werde mir eine Psychologin zur Unterstützung suchen, ich kann das nicht entscheiden. Zumindest möchte ich jemanden haben, der mir erklären kann, welche Auswirkungen das Erleben des Todes auf einen pubertierenden 11-Jährigem haben kann.
Jetzt suche ich einen Geistlichen, um zu erfahren, warum die Kirche eine so ablehnende Einstellung gegen den Freitod hat, und ich suche eine Psychologin, die entscheidest, ob ein 11-Jähriger den Freitod seiner Mutter erleben darf.

11.9.2013

Heute war wieder eine der schlaflosen Nächte, die eigentlich nichts mit dem Thema zu tun habe, dennoch denke ich dann über das Projekt „Tod“ nach.
Ich frage mich immer noch, wo die Grenze zwischen Berichterstattung und Kommerz liegt, wie weit ich gehen darf und ob es legitim ist, ein Buch über den Freitod zu schreiben . Ist es auch legitim beim Sterben zuzusehen und dabei zu schreiben? Ist es im multimedialen Zeitalter legitim, den Tod live per Twitter zu übertragen? Ich habe gestern Abend zwei Theologen aus Hamburg angeschrieben, von meinem Projekt berichtet und bekundet, dass mich der Grund der Kirche, so vehement gegen den Freitod zu kämpfen, sehr interessieren würde.

Ein Theologe schrieb zurück, dass ich ihn gerne anrufen dürfe. Das tat ich dann heute Morgen auch sofort . Eigentlich war es ein interessantes Gespräch. Als ich nach 30 Minuten fragte, ob es denn für ihn in Ordnung wäre, wenn ich das Gespräch veröffentliche, war er strikt dagegen. Er begründete dies damit, dass man jeden Fall einzeln prüfen müsse und nicht pauschalisieren könne.

Das verstehe ich nicht, man muss doch eine genrelle Haltung zu einem Thema haben. Was hat das dann mit dem Einzelfall zu tun? Warum ist es bei diesem Thema schon wieder so, dass man heimlich darüber sprechen muss? Warum sollte ich ein Gespräch mit einem Theologen zu dem Thema Freitod nicht veröffentlichen?

Er fragte mich, ob mir bewusst sei, dass mich die Öffentlichkeit zerreißen wird, wenn ich das Vorhaben wirklich realisiere. Ich sagte ihm wörtlich, dies sei bei meinem letzten Thema ebenso gewesen war und es für mich immer eine Bestätigung meiner Arbeit ist, wenn die Gesellschaft laut aufschreit.

Das ist doch mein Ziel. Ich will den Nerv unserer Gesellschaft treffen. Je mehr ich angefeindet werde, je mehr ich angegriffen und durch den Dreck gezogen werde für ein Thema, um so mehr bestätigt es mich in dem, was ich mache.

Zum Ende des Gesprächs sagte er mir, dass er gerne für ein persönliches Gespräch zur Verfügung steht, ich dieses aber weder aufzeichnen noch veröffentlichen darf. Somit bringt es mir ja nichts . Vielleicht sollte ich die Einstellungen der verschiedenen großen Volksreligionen mit in mein Buch aufnehmen. Das könnte sehr interessant werden!

4.9.2013

Mein erster Besuch bei einer Todgeweihten:
Heute, am 04.09., fuhr ich zum ersten Mal zu meiner Todgeweihten nach Hamburg. Ein komisches Gefühl hatte ich schon dabei. Ich war gerade in die Nord-Ostsee-Bahn gestiegen und mir war kotzübel.
Wie fange ich das Gespräch an? Was empfinde ich dabei? Ich glaubte in dem Moment, dass es eigentlich nur Mitleid sein könnte.
Mir wurde gerade bewusst, wie gut es mir geht. Nur weiß man dies selbst meist nicht wirlich zu schätzen.
Als ich über den Nord-Ostsee-Kanal fuhr und die geradezu unendliche geradlinige Weite sah, kippte meine Stimmung ins Melancholische, ich versuchte, meine Gedanken an das Thema Tod zu verdrängen, es klappte aber nicht. Ich hatte das Projekt gewollt und es bekommen, also sollte ich jetzt nicht in Selbstmitleid verfallen, nur weil ich über ein Thema schreibe, was selbst für mich ein Tabu ist.

Am Hauptbahnhof angekommen, nahm ich mir ein Taxi und fuhr direkt zu Caroline und Ihrer Familie, die ich ja bislang nur online und über Telefonkontakte kannte.
Wenige Minuten vor meiner Akunft rief Caroline an und bat mich, sie in der Stadt zu treffen. Sie hatte es sich anders überlegt und wollte alleine, ohne Familie, mit mir sprechen.
Wir vereinbarten das Lokal „Lust auf Italien“ in der Großen Elbstrasse in Hamburg.
Kurze Zeit darauf trafen wir uns dort. Ich erkannte sie sofort vor dem Eingang und war überrascht, wie gut sie noch aussieht, obwohl sie im Endstadium Krebs hat.
Wir begrüßten uns distanziert, ja fast kühl. Die Last auf Ihren Schultern war jetzt förmlich spürbar. Das war also die Frau, die in den Tod gehen wird.
Ich versuchte mit aller mir gegebenen Gewalt, meinen Kopf einzuschalten und meine Gedanken zu neutralisieren. Caroline wirkte trotz allem so stark, so entschlossen.

Irgendwie fanden wir nicht den richtigen Einstieg in das Gespräch, ich schlug ihr vor, dass jeder von uns 10 Fragen an den anderen stellt. Das hilft oft in diesen Situationen.
Sie stimmte zu und sagte sofort, das sie beginnen wolle. Ich grinste und sagte „gerne“.

Die erste Frage, die sie mir stellte, überraschte mich total, ich hatte niemals damit gerechnet.
Sie fragte mich: „Bist Du gläubig?“
Ich stutzte und antwortete ihr: „Nein, ich bin nicht gläubig.“ Sie lächelte und meinte, sie sei sehr gläubig, auch wenn sie mit ihrem geplanten Freitod nicht der Norm der Katholiken entspräche. „Ich bin seid vielen Jahren tief gläubig“, sagte sie.

Nun durfte ich meine Frage stellen, die dann lautete: „Warum willst Du sterben?“
Sie fuhr mich in gleicher Sekunde forsch an und sagte, dass von Wollen nicht die Rede sei.
Meine Worte waren falsch gewählt gewesen, ich merkte sofort, dass es notwendig war, viel sensibler zu fragen. Ich redete mich heraus und sagte, dass ich natürlich wissen wolle, warum sie diesen Weg gehen möchte.
Sie sagte: „Ich kann und ich will es meiner Familie nicht zumuten, mich leiden und sterben zu sehen. Ich hatte bislang mein ganzes Leben selbst in der Hand, ich komme aus gutem Haus, hatte immer viel Geld. Ich will den letzten Schritt selbst bestimmen. So, wie ich mein ganzes Leben selbst bestimmt und gestaltet habe.“

Nach nur 40 Minuten beendeten wir das Gespräch. Ich merkte, wie erschöpft sie auf einmal war. Ihr Gesicht wirkte nach den wenigen Minuten total müde, ihre Stimme war rau.

Der Grundstein ist gelegt, aber es wird noch viel Zeit benötigen, bis wir ein vertrautes Verhältnis haben und das Intimste der Welt gemeinsam durchstehen können: den TOD.